‚Jeder Lauf ist ein Geschenk’ – ALSTERTAL WALDDÖRFER (Hamburger Abendblatt) vom 23.11.2011

ALSTERTAL WALDDÖRFER (Anzeigenmagazin des Hamburger Abendblatt), November 2011, erschienen am 23.11.2011, Seite 20/21, Autor: Lutz Wendler

Jeder Lauf ist ein Geschenk

Wahrscheinlich finden nirgendwo jedes Jahr so viele Marathonläufe statt wie an den Volksdorfer Teichwiesen. Mehr als 850 waren es in den vergangenen elf Jahren. Organisiert werden die Veranstaltungen von dem Mediziner Christian Hottas, der mehr als 1770 Marathons absolviert hat und damit den Weltrekord hält

Wer am Wochenende an den Volksdorfer Teichwiesen spazieren geht, hat gute Chancen, einer kleinen Gruppe von Läufern zu begegnen, die gleichmäßig und unermüdlich wie Uhrwerke Runde um Runde ihre Kreise ziehen. Wahrscheinlich entdeckt der Spaziergänger auch einen Campingtisch mit Getränken, Obst, Keksen und sogar ein paar Süßigkeiten darauf, der am Weg steht und an dem die Sportler sich laufend verpflegen.

Wem all das zum ersten Mal auffällt, der mag sich über den offenbar gut vorbereiteten Lauf in gemäßigtem Tempo ein wenig wundern. Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass er darauf kommt, gerade Zuschauer eines offiziellen Marathonlaufs zu sein - ja, dass alle Teilnehmer hier erstaunliche Marken gesetzt haben und dass sogar ein Weltrekordler unterwegs ist. Und das an einem Ort, an dem vermutlich mehr Marathonläufe im Jahr als irgendwo anders stattfinden.

Verantwortlich fürs Ganze ist vor allem besagter Weltrekordläufer, der fast jedes Mal am Start ist. Christian Hottas, Hausarzt und Sportmediziner in Sasel, hat mehr als 1770 Marathonläufe absolviert. Pro Jahr kommen mindestens 120 dazu. Am 3. August hat der 55-Jährige den bisherigen Rekordhalter Horst Preisler (76) - er ist ebenfalls Hamburger - überholt, und es ist unwahrscheinlich, dass seine eigene Bestmarke demnächst übertroffen wird, denn Hottas läuft und läuft und läuft ...

Die Volksdorfer Teichwiesen spielen dabei eine wichtige Rolle. Christian Hottas hat dort seit dem 29. September 2000 mehr als 850 Marathonläufe organisiert. Der 2,583 Kilometer lange Rundkurs war bereits von Mitte der 80er-Jahre an für den jährlichen Silvesterlauf (10 Kilometer) genutzt worden. Die sehr aktive Hamburger Läuferszene hatte dabei rasch erkannt, dass der idyllische Ort im Wald mit seinem günstigen Streckenprofil und einem idealen Untergrund auch für die volle Marathon-Distanz geeignet sei.  Insbesondere für den exklusiven „Club der 100“, dessen  Mitglieder Marathonläufe „sammeln“, boten sich die Teichwiesen an. „Wir suchten einen Ort in Hamburg, um nicht an vielen Wochenenden im Jahr unterwegs sein zu müssen. Viele Wettbewerbe waren weit entfernt. Oft waren wir am Montag danach mehr vom Fahren als vom Laufen kaputt“, erzählt Hottas, der den „„Club der 100“ gegründet hat und zeitweilig dessen 1. Vorsitzender war.

Christian Hottas ist seinen ersten Marathon im April 1987 in Hamburg gelaufen. Seine persönliche Bestzeit erreichte er mit 2:59:20 Stunden 1990 in Schwerin. Er war ein extremer Extremsportler, doch seine Haltung zum Laufen hat sich vollkommen verändert, seit er 2005 seine Partnerin, die an Krebs erkrankt war, verlor. „Sie war eine exzellente Ausdauerläuferin, Europarekordlerin im 48 Stunden-Lauf. Doch wenn es um Leben und Tod geht, spielt all das keine Rolle mehr. Das war eine belastende, sehr intensive Zeit, als ich sie begleitet habe“, sagt Christian Hottas. Danach hat er darüber nachgedacht, ganz mit dem Laufen aufzuhören - und einen Weg gefunden, wie es weitergehen kann. „Ich habe das entspannte Laufen wiederentdeckt. Das ist auch eine Form von Therapie, man kriegt den Kopf dabei frei“, sagt er. 

Hottas verlegte sich auf schöne und originelle Strecken, bis hin zu derart Ausgefallenem wie Sechstage- oder 250-Meilen-Läufen. Und er begann, gemeinsam mit Freunden auch Läufe in Hamburg und Umgebung zu organisieren, manchmal auch noch etwas weiter weg - „alles Fun- und Erlebnismarathons“, wie er sagt. Zum Beispiel den Lauf im Alten Elbtunnel, der bereits ein Klassiker ist. Oder die Insel- und die Brückenmarathons. Nicht zu vergessen die „Lost Places“-Läufe wie zum Beispiel in Altenwerder, auf einer inzwischen demontierten Rhein-Brücke oder an der nie in Betrieb genommenen U-Bahn-Station Beimoor hinter Großhansdorf („die grüne Hölle von Beimoor“ ).

Das Wichtigste aber ist inzwischen der Spaß. Hottas: „Es ist für mich Lebensqualität, wenn wir zusammen laufen. Das ist kein Wettbewerb mehr, der Langsamste bestimmt das Tempo. Dabei klönen wir, planen neue Läufe, oder ich führe mit Kollegen Fachgespräche - das ist dann quasi eine private Medizinfortbildung.“

Das Ganze ist „hochgesund“, sagt der Arzt Hottas: „Der Akku ist bei diesem geringen Tempo nicht so leer, denn die orthopädische und die Herz-Kreislauf-Belastung beim Marathon hängt mit der Laufgeschwindigkeit zusammen. Was wir machen, ist optimales Training - zum Beispiel für sehr lange Läufe.“ Hinzu kommt das Naturerlebnis, das auch an den Teichwiesen nichts von seinem Reiz verloren hat: „Das ist hier ein Kleinod, das zu jeder Jahreszeit etwas zu bieten hat. Außerdem kann ich auf der vertrauten Strecke wunderbar abschalten.“ Christian Hottas kann das Mitmachen nur empfehlen - gemäß seinem Motto: „Jeder Lauf ist ein Geschenk.“
/wend

INFO: Die Teichwiesen-Marathons haben im Schnitt nur etwa sechs Teilnehmer. Neue sind immer willkommen. Kostenbeitrag 5 Euro. http://teichwiesen.myblog.de

27.11.11 23:07

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen